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BORIS LURIE & SAM GOODMAN: DOOM SHOW

GALERIA LA SALITA | Rom | November 1962
TAGGED: KATALOG + ANSICHTEN + ZEITUNGSAUSSCHNITT + REZENSION + ANTWORT

KATALOG:

Doom show, Rom 1962, Katalog
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ANSICHTEN:

Doom show, Rom 1962, Ansicht #1Doom show, Rom 1962, Ansicht #2
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ZEITUNGSAUSSCHNITT:

Doom, press clipping, Rome 1962
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REZENSION:

NOTIZ ZU DEN ITALIENISCHEN AUSSTELLUNGEN

Von Thomas B. Hess

Sam Goodman und Boris Lurie sind beide echte gesellschaftliche Realisten. Mit sozialen und politischen Fragen tief verbunden, haben sie beschlossen, als bürgernahe Künstler zu arbeiten, sich verantwortlich zu fühlen und ihre Ateliers - ihre Kunst, ihr Leben, ihre Beziehungen - in die ideologische Arena zu verlegen. Sie drehen die allseits bekannten ästhetischen Werte von innen nach außen, um deren ethische Eingeweide zu entdecken, nämlich Sehnen, Herz und Mist.

Lurie mit seinen besudelten Pin-ups, der Erotik der Unterdrückten, und Goodman mit seinen zerquetschten Zelluloid-Babies buchstabieren eine erstickende Rhetorik, die zeigt, wohin wir gehen.

Wie alle Künstler benutzen sie die künstlerischen Mittel, jedoch schmuggeln sie keine Botschaften des Kalten Krieges in den Aspik ihres Stils wie es etwa die linken traditionellen sozialistischen Künstler zu machen pflegen. Während ein Guttuso, ein Segueros, ein Lorjou oder ein Refregier in der konservativen akademischen Manier des Tafelbildes malen, um damit irgendeine ideologische Anekdote aufzupolieren, haben sich Goodman und Lurie der neuesten Ausdrucksmittel der New Yorker Schule bedient, nämlich des Action Painting. Wo Rauschenberg, Kaprow oder Oldenburg die "Spitzen" des Abfalls in formaler und poetischer Art und Weise verwenden, weisen diese beiden Maler alle Übertragungen und Metamorphosen zurück. Sie kommentieren die Schande der Gesellschaff mit deren zurückgelassenen eigenen Abfallprodukten, sie kommentieren flüchtiges Material für Flüchtlinge aus unserer großen Unordnung, aus unseren peripheren Obszönitäten, aus unserem Müll, aus unserer widerlichen industriellen Verschwendung.

In einem armen Land würde man keinen Hühnerknochen auf der Straße finden. Goodman und Lurie verkünden aus dem "eingeplanten Verschleiß" der amerikanischen "Überflussgesellschaft" heraus ein pornographisches Versailles (diese Moralisten könnten genauso gut in London, Paris, Mailand, München oder Leningrad im Müll wühlen).

Die Moderne Kunst drückt auf irgendeine Art und Weise immer Protest aus. Gewöhnlich liegt der Protest im Schweigen, in der Negation, im Teufelsschrei - non serviam. Manchmal drückt sich der Protest auch in ungewöhnlichen Bildinhalten oder in der Wildheit der Ausdrucksmittel aus.

Goodman und Lurie protestieren direkt, sie machen keine Anspielungen. Sie ziehen ohne zu zögern die Notbremse, um so die höflichen Unterhaltungen im Salonwagen zu unterbrechen. Sie haben mit ihrer Kunst Wege gefunden, die sichtbare Wahrheit herauszuschreien, mit ihr herauszuplatzen, und zwar in Kenntnis des enormen kunstgeschichtlichen und ästhetischen Wissens, das ihnen zur Verfügung steht.

Die Ironie in der Kunst kommt natürlich immer dazwischen. Wären Goodman und Lurie nicht so gute Maler, würden ihre Ausbrüche eher Gestammel sein. Sogar dort, wo sie zutiefst schockiert wurden, sind sie, als Künstler, noch auf Schönheit gestoßen. Kunst schleicht sich immer wieder ins Atelier zurück, sogar wenn der Künstler den Mauern entflieht und auf die Straße gezogen ist. Hier entsteigt Venus einem Meer aus Scheiße.

In dieser endgültigen Schicksalswende liegt ihre eigentliche Bedeutung. Nicht umsonst nannten sie ihre Ausstellung in New York "Doom"-Show. Ihr Untergangsschrei aber ist auch ein fröhliches und wildes Zeugnis für eine Auferstehung.

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ANTWORT:

BRIEF AN THOMAS B. HESS von Boris Lurie am 31.5.1962

Ihr Brief vom 23. Februar erreichte mich erst jetzt, nachdem er mir wohl durch ganz Europa gefolgt war. Ich danke Ihnen für den freundlichen Ton Ihres Briefes. Doch sind einige Ihrer Fragen so ernsthaft, dass sie auch eine ernsthafte Antwort verdienen.
Zunächst einmal vielen Dank für Ihre Einführung zu unserer Ausstellung in Europa. Sie schien mir von Herzen zu kommen und hätte mir nicht besser gelingen können. Es ist wirklich aufmunternd, einen Freund gerade dort zu finden, wo ich ihn am wenigsten vermutet hätte. Ihr Vertrauen soll nicht enttäuscht werden.
Sie fragen mich, ob nicht ein Widerspruch zwischen unseren Untergangsrufen (Doom-Rufen) und unserem Mitspiel im Ausstellungsreigen bestünde? Jeder, der sich dazu berufen fühlt, Untergangsrufe hinauszuschreien, ist ebenso verpflichtet den Ausstellungskreislauf mitzumachen! (Ich würde es nur nicht "Spiel" nennen, da die von mir organisierten Einzel- und Gruppenausstellungen in der March-Galerie von der Presse und der "Kunstwelt" entweder konsequent ignoriert wurden oder gehörige Beleidigungen erfuhren wie z.B. in ... Art News und besonders in der New York Times, die mit ihren Schimpfkanonaden sogar soweit ging, uns als um sich schießende Pornographen und Neofaschisten zu bezeichnen. Ganz zu schweigen von all den "Künstlern", die versuchten, uns mit weit subtileren Schimpfkanonaden herunterzumachen. Ich spreche von den "Künstlern", die immer auf der "richtigen" Seite stehen und stets alle "richtigen" Avantgardebewegungen mitmachen.. . Was nun den Kunstmarkt und die mit viel Geld gesponserten Institutionen betrifft, so können Sie sich gut vorstellen, dass meine Position derjenigen glich, als wenn ich auf der Schwarzen Liste stünde.) Was sonst könnte und sollte ein Künstler, der etwas zu sagen hat, tun, als den "Ausstellungsreigen mitzuspielen"? Das ist doch der einzige gangbare Weg - aber nicht notwendigerweise der wirksamste, bedenkt man den Boykott durch die Medien - gemäß unserer bisherigen Entwicklung, vorausgesetzt, der Künstler hat die Energie und die Mittel, um davon zu profitieren. Die bedeutenden, öffentlich geförderten Ausstellungsorte stehen doch nur den hirnlosen Nadelstreifen-Künstlern offen oder den kitzel-und-amüsier-mich "Dada"-Typen ...
Sie fragen mich, ob ich die Situation nicht anderes beurteilen würde, wenn ich "reich und berühmt" wäre? Ich habe gejammert, dass ich arm sei, todkrank, geistesgestört sei oder sonstige Handicaps hätte. Ich habe aber dennoch in meinem Leben mehr als genug gesehen und durchgemacht. Es stimmt auch, dass ich manchmal ganz schön arm war. Ich habe auch gesehen, dass Reichtum seine Macht total vertieren kann (was sogar oft mit dem Tod endete), so dass ich ihm nur eine vergängliche Bedeutung zumesse. Meine Werke entstehen nicht in einem regelmäßigen, kontinuierlichen Arbeitsprozess, es gibt dabei keine gleichmäßigen Ergebnisse. Die Grundlagen meiner künstlerischen Erziehung erwarb ich in KZ's wie Buchenwald.
Sie fragen, ob Künstler verantwortungsbewusste Weltbürger sein sollen? Ich meine entschieden ja, ... wenn es ihnen gelingt. In dieser Hinsicht sollte es keinen Unterschied zwischen Künstlern und jedem anderen Sterblichen geben.
Gibt es so etwas wie eine "ökonomische Angst"? Zweifellos sicherlich. Die meisten Künstler fallen ihr zum Opfer. Besonders dann, wenn sie vorher unter Armut gelitten haben. Gerade in einer kommerziell ausgerichteten Gesellschaft, deren Normen der Künstler nicht umgehen kann. Das ist heutzutage der Untergang der meisten Künstler und Kunstbewegungen. Ein Beispiel für diese "ökonomische Angst" ist der geringe Erfolg der kooperativen Galerien in der 10ten Straße; das höchste Ziel der meisten Künstler ist ein besserer ökonomischer Standard. Nur geben sie dafür die Freiheit ihrer Ausdrucksmöglichkeiten auf. Die "Meister" mögen ein bisschen hin- und hergerissen sein, aber letztendlich wird ihnen schon bewusst werden, welche Schokoladenseite sie gewählt haben.
Sie fragen mich, was Sie meiner Meinung nach repräsentieren: den Kunstmarkt, ein bewusstes Gewissen oder eine Werbeagentur? Ich bin mir sicher, dass Sie diese Frage besser beantworten können als ich. Ehen kann ich Ihnen vorschlagen, was Sie repräsentieren sollten: Die Antwort darauf ist analog der des Künstlers, der auf den "Untergang" hinweist und im Ausstellungsreigen mitmischt, nämlich: Man muss seinem Gewissen glauben und folgen, muss danach seine Ideen in die Tat umsetzen. Das bezieht allerdings unvermeidlich auch den Markt und die Werbung mit ein. Denn heutzutage sind Kreativität, Promotion und Verkauf auf schreckliche Weise miteinander verflochten. (Die kooperativen Galerien und die Happening-Bewegung versuchten, diese Verflechtung aufzubrechen.) Und es ist gut, dass der Kunstmarkt auch irgendwo seine Grenzen hat, z.B. kann ein einmal ausgeführtes Wandgemälde nicht mehr verkauft werden.
Erlauben Sie mir noch eine Bemerkung. Ich war richtig überrascht von Ihrer Reaktion auf unsere "Doom"-Ausstellung. Abgesehen von ihrer "künstlerischen" Qualität sollte sie jedenfalls keine Fröhlichkeit erzeugen. Wäre das der Fall gewesen, würde ich sie als schrecklichen Reinfall betrachten. - Ich hoffe, Sie recht bald einmal persönlich zu treffen.

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