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GESCHRIEBIGTES UND GEDICHTIGTES

Manuskripte aus den Jahren 1947 bis 2001 für eine geplante Publikation erschienen 2003
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NACHT, STUTTHOF [1947]

Um sechs Uhr ist der Tag zu Ende. Alles ist ruhig, leises Schnarchen tönt durch die Baracke und hin und wieder ein leises Seufzen oder Selbstgespräch. Und auch der Gummiknüppel, der die Menge zur Ruhe gebracht, auch der liegt müssig in der Ecke des besseren Zimmers, wo die Herren schlafen, die Kapos und Ältesten zu Abend essen und sich das Neueste erzählen, während deren Diener sich bereits zur Ruhe begeben.

Die kleine Nachtlampe über der Eingangstür verbreitet ein spärliches Licht, in welchem ich Leute sehe, die in ihren Socken hastig irgendwohin laufen und dann wieder zurückkehren ... das übliche Bild einer ruhigen Nacht, in der sich der Häftling wünscht, dass sie ewig dauern möge ... vorausgesetzt, dass er schlafen kann in Gesellschaft zweier, dreier Kameraden in der Koje, vorausgesetzt, dass er sich nicht das Fleisch unter seiner Jacke blutig reissen muss, vorausgesetzt.

Ein anderer Tag ist zu Ende gegangen und es hat gar keinen Zweck darüber nachzudenken, was an ihm geschehen ist: dasselbe hastige, übereilte Aufstehen wie Tags zuvor, dieselbe Scheibe Brot - wenn sie nicht kleiner wurde - , die dann von einem anderen Häuptling mit Marmelade beschmutzt wird, dann, beim Ausgang aus der Baracke, eine Schüssel mit "Kaffee" für drei, und später das oft vergebliche Suchen nach dem Manne mit der Schüssel ... das Suchen nach einem ruhigen Platz ... dann das Entrinnen vor einer anderen Peitsche, der man unvermeidlich irgendwo über den Weg laufen muss. Es scheint hier ewig zu regnen, der Schlamm dringt dir durch die Stiefel ... und nach dem stundenlangen Appell versuchst du wie gewöhnlich die Umzingelung zu durchbrechen, dich zwischen die Krüppel, die im gegenüberliegenden Block hausen, zu mengen, in ruhigere Gegenden des Lagers zu gelangen, um der Arbeit zu entwischen. Gelingt es dir, so läufst du auf den grossen Platz vor dem Haupttor, wo ein reges Leben herrscht. Kolonnen stehen da, Kolonnen alter und "besserer" Häftlinge, und du läufst schnell zwischen ihnen hindurch, läufst in eine Toilette, tust, als wenn du sehr beschäftigst wärst, bis der Tag graut, bis die Kolonnen das Lager verlassen haben. Die Stubendienste kommen inzwischen in die Toilette, um sauberzumachen, und wenn du Glück hast, treiben sie dich nicht auf die Strasse ... Dann, Mittag, wo du jederzeit deine Schüssel Suppe riskierst, wenn du nicht zur Arbeit warst. Nachdem du die Schüssel Suppe ruhig im Magen hast, merkst du, dass die Baracke umzingelt ist, und kein anderer Ausweg als zur Arbeit dir geblieben ist. Und was die Arbeit bedeutet ..., das weisst du aus Erfahrung.

Und nun, nachdem es ruhig geworden ist und alles zu schlafen scheint, verlasse ich die Bretter, breite die Decke auf dem Boden vor den Fenster aus, sehe die beleuchteten Zäune und hinter ihnen ein paar Lichter aus schlecht verdunkelten Fenstern des prunkvollen SS-Gebäudes, und schlafe langsam ein. Ein wunderbares Gefühl ist es zu wissen, dass man Ruhe haben wird bis vier Uhr.

Ein Pfeifen und Schreien weckt mich auf: Manche zögern noch sich anzuziehen, andere sind im Nu in ihren Kleidern. Ich bin zwischen den letzteren. "Alles raus", brüllt eine Stimme in Polnisch. Ich bin vernünftig genug, nicht zwischen den ersten zu sein und auch nicht zwischen den Letzten. Draussen ist es kalt und trocken - ein wahres Wunder hier - und Kolonnen strömen aus allen Baracken. Zuerst werden wir in Fünfer-Reihen aufgestellt und marschieren unter lautem Kommando. Dann erlischt die Stimme, die ersten in der Kolonne laufen beinahe, während die hinteren nur langsam gehen. Andere Kolonnen mengen sich zwischen die unsere, und als wir am Ziel sind, sind wir eine einzige Masse von Zuschauern, die um einen halbbeleuchteten Fleck im Zentrum des Lagerplatzes stehen ... und wohl kaum verstehen, was los ist. Alle Strassen, die zum Platz führen sind überfüllt, Leute hängen an den Fenstern der Baracken, um was zu sehen. Andere, wohl die Mehrheit, kümmern sich nicht darum, was vorgeht, schauen nicht mal zum hellbeleuchteten Punkt herüber. Wir erkennen fast gleichzeitig ein Gerüst, einen Galgen. Wir erinnern uns, dass er schon am vorhergehenden Tag dagestanden hat, jedermann wusste, dass jemand gehenkt werden würde ... doch wir alle hatten es schon längst vergessen ... Ein beruhigtes Murmeln fängt nun an - was bedeuten soll: das ... also ist es! - , das durch ein lautes, "Ruhe!", unterbrochen wird. Wir hören nicht, was der Mann sagt, wir merken bloss, dass er zuerst Deutsch spricht, dann Polnisch. Und dann kommt eine Gestalt in Sicht, die Gestalt eines Jungen. Die meisten drehen sich um und schauen in die entgegengesetzte Richtung. Andere, die schon auf halbem Wege zurück sind, drehen sich um, bleiben stehen, und warten doch. Und ich schaue hin, dorthin, wo er auf dem Stuhle steht, und es scheint mir als wäre er ruhig und gefasst. Niemand spricht und niemand ruft ihm etwas zu. Das Selbstverständliche muss geschehen und die Strafe ist wirklich nicht gross. Der Lagerälteste, der die Zeremonie leitet, stösst den Schemel weg, der Junge fällt und hängt. Und dann gehen doch die Mützen herunter, zuerst vorne beim Galgen, und dann geht es wie eine Welle weiter. Während die Letzten die Mützen erst abnehmen, haben die Vorderen sie schon wieder an. Er soll noch ausgerufen haben: "Lang lebe die Rote Armee und die Sowjetunion!" Ich habe es aber nicht gehört.

Es gibt keine geschlossenen Kolonnen mehr, als es zurück in die Baracken geht. Es wird wieder gesprochen, vielleicht leiser als zuvor. Und es scheint mir - natürlich ist das Blödsinn - als wenn ich der einzige wäre, der sich nur einen einzigen Gedanken gemacht hat, über den Jungen, den Schlosser, der aus Russland kam und einem SS-Mann mit dem Montierschlüssel auf den Kopf geschlagen hat. Vielleicht hatte ich die Gedanken deswegen, weil ich doch glaubte leben zu bleiben. Vielleicht. Und unbekannter hängender Heldenkamerad: Was glaubte er?

Und dann ist es wieder Nacht und später Morgen. Und auch in Stutthof bei Danzig ist es hell bei Tag und dunkel bei Nacht. Aber grau, düster und regnerisch ist es da immer - bestimmt auch jetzt.

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