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Retrospektive 2004 suchen und finden im NO!art-Archiv

OPTIMISTIC | DISEASE | FACILITY

BORIS LURIE: NEW YORK - BUCHENWALD

Kuratiert von Naomi Tereza Salmon

Haus am Kleistpark | Grunewaldstr. 6-7 | 10823 Berlin | 7. Mai bis 20. Juni 2004
TAGGED: EINLADUNG + PRESSE-INFO + RAUMANSICHTEN + TEXTANSICHTEN + VORTRAG
KUNSTFORUM + TAZ + TIP-BERLIN + BERLINER MORGENPOST

EINLADUNG:

Einladungskarte

In dieser Ausstellung treffen zwei Künstler aufeinander, deren Biografien und Werke kaum unterschiedlicher sein könnten. Boris Lurie, 1924 in Leningrad geboren und in Riga aufgewachsen, überlebte mit seinem Vater sowohl das Rigaer Ghetto und mehrere Konzentrationslager, während die Mutter, eine Schwester und die Großmutter bei den "großen Aktionen" am 29. November und 8 Dezember 1941 bei den Kiefernwäldern in Rumbula ermordet wurden. Die Befreiung durch die Amerikaner erlebten Boris und llja Lurie in Magdeburg, in einem Außenlager des KZ Buchenwald. Nach dem Krieg übersiedelten beide in die USA, wo Lurie seitdem in New York City lebt und dort Ende der fünfziger Jahre die radikale Kunstbewegung NO!art als Gegenbewegung zur Pop-Art gründete. In bislang einzigartiger Weise macht er seine Erinnerungen als Überlebender zum Thema und stellt sie in einen aktuellen Alltagskontext aus Werbung, Pornografie und Politik. Mit einer harten und kontrastierenden Ästhetik, die nicht harmonisiert, sondern Widersprüche polarisierend aufeinander treffen lässt, collagiert er Gräuelfotos mit Pin-ups, kombiniert sie mit anderen Materialien zu Assemblagen, um sie anschließend auch noch zu übermalen. Seine Werke waren 1995 in einer monografischen Ausstellung, initiiert von der NGBK, im Haus am Kleistpark zu sehen, und sie haben viele Besucher nachhaltig beeindruckt und in ihrer Radikalität verstört. In der aktuellen Ausstellung ist Lurie mit seinen sprachkünstlerischen Arbeiten in Schrift und Ton präsent, seine Bilder sind von einer CD-Rom abrufbar.

Zitat von Boris Lurie

Naomi Tereza Salmon, die 1965 in Israel geboren wurde und seit vielen Jahren in Deutschland lebt, lernte Boris Lurie anlässlich dessen Ausstellung in der Gedenkstätte Buchenwald 1998 kennen. Fasziniert von Person, Werk und Biografie reiste sie mehrfach nach New York, um Lurie in dessen Wohnung und Studio aufzusuchen. In ihren fotografischen Arbeiten hat Naomi Tereza Salmon bisher häufig Fundstücke und Objekte daraufhin befragt, inwieweit den Dingen selbst ein Gedächtnis innewohnt und vom Betrachter in den seriellen Arbeiten gelesen werden kann. Ihre fotografischen "Stilleben" aus Luries collagierter Lebenswelt machen deutlich, wie stark Lurie von Versatzstücken seiner Erinnerung umgeben ist. In der konzeptuell klar strukturierten Ausstellung konfrontiert Salmon ihre Fotografien mit den Gedichten Luries, die unaufhörlich um das Erlebte und sein Erinnern kreisen. Mit expressiver Kameraführung entsteht ein poetisches und sehr persönliches Portrait von Lurie, das zugleich Ausdruck der Erinnerungsform einer jüngeren Künstlergeneration ist.

* Zitat von Boris Lurie, 2001
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PRESSE-INFORMATION:

Mit dieser konzeptuell sehr klar strukturierten Ausstellung der 1965 in Israel geborenen und seit vielen Jahren in Deutschland lebenden Künstlerin Naomi Tereza Salmon knüpft das Haus am Kleistpark in zweifacher Weise an seine mittlerweile schon traditionsreiche Auseinandersetzung mit der Erinnerung an die Vertreibung und systematischen Ermordung der europäischen Juden an. Naomi Tereza Salmon gehört zur jungen Generation von Künstlerinnen und Künstlern, die sich auf ihre sehr eigene Weise mit Geschichte und Erinnerung an den Holocaust beschäftigt. Pathosfrei aber mit einem starken emotionalen Ausdruck konzentriert sich Salmon in dieser Ausstellung auf Werk und Leben von Boris Lurie, einem Überlebenden, der seine Erfahrungen wiederum in beispielloser Weise zum Thema von Bildender Kunst und Poetik macht. Vor 9 Jahren stellte das Haus am Kleistpark in Zusammenarbeit mit der NGBK das bildnerische Werk von Boris Lurie vor, während in den NGBK-Räumen in Kreuzberg die Werke, der von ihm begründeten NO!art-Bewegung zu sehen waren. Das hierzulande immer noch relativ unbekannte Œuvre von Lurie ist ein einzigartiges Zeugnis einer kompromisslosen politischen Thematisierung, es hat 1995 viele Besucher nachhaltig beeindruckt und in ihrer Radikalität verstört: "Bis zur Schmerzgrenze" titelte damals der Tip.

In der aktuellen Ausstellung treffen nun zwei Künstler aufeinander, deren Biografien und Werke kaum unterschiedlicher sein könnten. Boris Lurie, 1924 in Leningrad geboren und in Riga aufgewachsen, überlebte mit seinem Vater sowohl das Rigaer Ghetto und mehrere Konzentrationslager, während die Mutter, eine Schwester und die Großmutter im Zuge der "großen Aktionen" am 29. November und 8. Dezember 1941 bei den Kiefernwäldern in Rumbula ermordet wurden. Die Befreiung durch die Amerikaner erlebten Boris und Ilja Lurie in Magdeburg, in einem Außenlager des KZ Buchenwald. Nach dem Krieg übersiedelten beide in die USA, wo Boris Lurie seit her in New York City lebt und dort Ende der fünfziger Jahre die radikale Kunstbewegung NO!art als Gegenbewegung zur Pop-Art gründete. Er machte seine Erinnerungen als Überlebender zum Thema und stellt sie in einen aktuellen Alltagskontext aus Werbung, Pornografie und Politik. Mit einer harten und kontrastierenden Ästhetik, die nicht harmonisiert, sondern Widersprüche polarisierend aufeinander treffen lässt, collagiert er Greuelfotos mit Pin-ups, kombiniert sie mit anderen Materialien zu Assemblagen, um sie anschließend auch noch zu übermalen.

In der Presseerklärung der Gedenkstätte Buchenwald hieß es hierzu: "Leben und Lebenswerk Boris Luries bilden ein radikales, schroffes und zugleich poetisches Gesamtkunstwerk. In New York bewohnt Lurie gleichsam seine Collagen, und wie durch einen fadenscheinigen Stoff scheint die Lagererfahrung durch alles, was ihn zivilisatorisch umgibt, hindurch. Nach einer Retrospektive seiner Arbeiten im Kunstmuseum der Gedenkstätte Buchenwald 1998/99 hat er der (...) Künstlerin Naomi Tereza Salmon erlaubt, erstmals sein Leben und Lebenswerk umfassend künstlerisch zu dokumentieren. Die Ausstellung steht deshalb sowohl für einen ungewöhnlichen Vertrauensbeweis wie für gegenseitige künstlerische Wertschätzung und eine seltene Form subtiler Zusammenarbeit..."

Naomi Tereza Salmon hat in ihren fotografischen Arbeiten bisher häufig Fundstücke und Objekte darauf hin befragt, in wie weit den Dingen selbst ein Gedächtnis innewohnt und vom Betrachter in den seriellen Arbeiten gelesen werden kann. Ihre fotografischen "Stilleben" aus Luries collagierter Lebenswelt, konfrontiert Salmon in der aktuellen Ausstellung mit sprachkünstlerischen Arbeiten Luries in Schrift und Ton. Mit expressiver Kameraführung entstand darüber hinaus ein poetisches und sehr persönliches Film-Portrait von Lurie, das zugleich Ausdruck der Erinnerungsform einer jüngeren Künstlergeneration ist.Luries Bilder und Collagen können in dieser Ausstellung an zwei Monitoren abgerufen werden:

 1. Internetseite von NO!art, Geschichte der Künstlergruppe
     zusammengestellt von Dietmar Kirves (NO!art headquarters east)

 2. Überblick über Luries bildnerisches Werk aus der Dokumentation
     des Archivs der Gedenkstätte Buchenwald.

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RAUMANSICHTEN:

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TEXTANSICHTEN:

Gedichtigtes von 1955Gedichtigtes vom Juni 1996
Gedichtigtes vom 3. August 1997Gedichtigtes vom 2. November 2000
Gedichtigtes vom 2. Juni 2001
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VORTRAG:

LURIE und die NO!art-Gruppe
oder von der aufklärerischen Funktion des Zynismus

von Georg Bussmann*

Ich kenne nicht alle Texte, die über NO!art geschrieben wurden, aber ich denke, es gibt da in ihnen mehr oder weniger die Übereinstimmung, diese Kunst aufklärerisch kritisch als Protest anzusehen. So wie dies z. B. der Kritiker Wolfgang Kahlke 1973 in der, Welt" tat. NO!art ist da Protest „gegen die Ästhetisierung der Kunst und des Lebens", Protest gegen „das Geschäft mit der Frau im Pin-up-Foto" und Protest dagegen, „wie schnell die Konsumgesellschaft nach dem Krieg das menschliche Leid vergaß". Ich finde es beneidenswert, wenn man es so sehen kann.

Volkhard Knigge schreibt - auch in einem Text über NO!art - dass diese Kunst „nichts interpretiert, sondern ertragen werden" will. Das ist es, was mich betrifft: Ich ertrage diese Kunst nicht. Ertragen, das ist ein ganz körperlicher Begriff und so sind meine Reaktionen auf diese Kunst ebenso körperlich, nämlich Abscheu, Ekel, Widerwillen. Meine Erwartung, in der Kunst persönlich rezipierbare Identifikationsangebote zu finden, wird mir in den Hals zurückgestoßen. Ich soll mich mit dem Niedrigsten und Verachtetsten identifizieren: mit Scheiße. Mein eventueller Vorwurf, diese Kunst sei Scheiße, wird sozusagen vorweggenommen und gegen mich gekehrt. Der übliche Projektionsmechanismus: etwas außen als Scheiße zu bezeichnen, um damit die Scheiße innen vergessen zu können, schlägt auf mich zurück. Das ist peinigend und bedrückend. Warum also gehe ich dem nicht aus dem Wege, was doch so leicht wäre? Es gibt da wohl auch so etwas wie ein Fasziniertsein von der Fassungslosigkeit in die diese Bilder mich stürzen. Was mich dann herausfordert, die Fassung wiederzugewinnen. Also akzeptiere ich das Masochistische, das da im Spiel ist, und versuche es als Motor zu nutzen, um zu begreifen, was mit mir geschieht und was ich damit machen kann.

Es sind zwei Begriffe, mit denen ich versuchen möchte, die Kunst von NO!art zu fassen: der Begriff der Blasphemie und der Begriff des Zynismus. Beide Begriffe und das was sie bezeichnen, sind in der allgemeinen kulturellen Diskussion absolut negativ besetzt. Das halte ich für normal, weil Blasphemie und Zynismus die von der Kultur aufrechterhaltenen allgemeinen Ideen von der Lebbarkeit des Lebens, von der Menschlichkeit des Menschen und von der Machbarkeit der Welt angreifen und außer Kraft setzen. Also werden diese Angriffe abgewehrt, erfolgreich abgewehrt. Sinn machen sie dennoch.

Laut Brockhaus ist Blasphemie Gotteslästerung. Um den Begriff allgemein anwendbar zu machen, muss man ihn von seinem religiösen Wortsinn ablösen und ihn verstehen auch als eine Herabsetzung des Menschlichen, d. h. der idealen „Geistnatur" des Menschen und seiner Kultur. Blasphemie ist dann der Angriff auf die Repräsentanten nicht nur des Heiligen, sondern auch der Humanität, d. h. auf deren Zeichen, deren Bilder, Texte, Rituale usw. Blasphemie trifft den Betrachter deshalb so empfindlich, weil für ihn wegen des inhaltlich Ungewissen des Göttlichen wie des Humanen, deren Symbolisierungen das einzig Gewisse sind. Die Symbole sind ihm zu dem geworden, was sie symbolisieren, sie erscheinen ihm sozusagen als Realität. Darum muss die Blasphemie mit letzter Schärfe abgewehrt und bekämpft werden. Die Institutionen der Religion wie die der Kultur benutzen dabei den Vorwurf der Blasphemie letztlich wie eine Art umgekehrten Gottes- = Kulturbeweis.

Im Sinne politischer Korrektheit soll Kunst kritisieren und darin die Wirklichkeit symbolisch korrigieren. Boris Lurie verzerrt und überspitzt die Wirklichkeit ohne Maß, manisch. Er hasst seine Zeit, seine Kultur, sich und schließlich den Betrachter. Aber die Energie dieser Leidenschaft ist ambivalent. Lurie ist zugleich fasziniert und will faszinieren. Seine Bilder „kleben". Je nachdem, ob und wie nah man sie an sich ranlässt, scheinen sie einen schmutzig zu machen. Beispiel Pornographie: Sie reduziert den Menschen, Frau wie Mann, auf das Animalische, d. h, auf die tierhafte Seite seiner Natur. Die sogenannte Humanität und das sogenannte Geistige des Menschen werden verhöhnt als irreal und als idealistische Einbildung. Sex ist dumpfe, zerstörerische Energie. Was im privaten Gebrauch von Pornographie (sozusagen medizinisch) Entlastungsmittel sein kann, ist in der Kunst, öffentlich und mit allgemeinem Geltungsanspruch vorgetragen, Sprengung der Kultur.

Ob es mir gefällt oder nicht, ich halte eine solche Position in einem pluralistischen Kulturkonzept punktuell für notwendig in dem Sinne, dass sie die endgültige Idealisierung des Menschen als „Geistwesen“ unmöglich macht. Sublimierung kann nie endgültig sein, sondern immer nur in einem momentanen Ausbalancieren von Körper und Bewusstsein gelingen, was bedeutet: akzeptieren der eigenen Körperlichkeit und deren Endlichkeit. Leben kann durch Kunst nicht „geheilt", sondern nur ausbalanciert und darin aushaltbar werden, aber gerade das wird von NO!art verweigert. NO!art bringt aus dem Gleichgewicht, was einen zwingt, zu versuchen, dieses in einem neuen realistischen Sinne wiederzugewinnen.

Philosophisch gesehen ist Blasphemie Teil des zynischen Prinzips (Diogenes). Zynismus, laut Brockhaus eine „charakterliche Fehlhaltung“, mag gesellschaftlich immer ausgegrenzt sein, für die Selbstbehauptung der Subjekte in einer Massenkultur scheint er mir unverzichtbar. Unser Denken, das ständig über die materiell wahrnehmbare Wirklichkeit hinausgeht, bildet Ideen über diese Wirklichkeit aus, die, indem sie sich als Ideale zu Wertsystemen verfestigen, als idealistischer Überbau über der Wirklichkeit „hängen" und diese im schlimmsten Fall totalitär bestimmen können. Hier ist Blasphemie als Herabsetzung nötig, um im Schema Bild und Gegenbild das Realitätsprinzip wieder herzustellen und Selbsttäuschungen und kollektive Wahnvorstellungen zu durchschauen. Blasphemie, in die Normalität des kulturellen Prozesses einbezogen, hätte also immer wieder in einem zynischen Sinn Gegenbilder zu schaffen, damit die Bilder nicht unhinterfragbar zu „Lösungen“, zu Ersatz-Leben oder eigentlichem = „besserem“ Leben werden, damit man an die Bilder nicht „glaubt“. Konkret heißt das: ich stelle in meinem Bewusstsein neben die Erhabenheit und das abwaschbar Reine des Superzeichens Holocaust-Mahnmal und die Abgehobenheit seines ästhetischen Spiels (das mir wahrscheinlich gefallen wird) den Dreck und die Vulgarität von Boris Luries „Scheiße". Scheiße als Material der Kunst hat das Bedrohliche, das Formzerfall immer hat. Sie bedeutet nicht nur das Ende aller Sublimation, sie ist Propagieren der Negativität, des Ekels, der Auflösung. Wenn ich das als Bild in einer Ausstellung nicht aushalte, so ermöglicht es mir doch, im Kopf neben das Holocaust-Mahnmal gestellt, mich von dessen Verbindlichkeitsanspruch als neuem deutschem Nationaldenkmal zu lösen und vor allem mich von dem zwar allgemein Akzeptierten aber dennoch Dummen seines Sühnegedankens zu verabschieden. Was bedeutet: ich gewinne ein Stück Freiheit meines Denkens und meiner Urteilsfähigkeit zurück.

Und was hätte das alles mit Aufklärung zu tun? Es ist Selbstaufklärung, d. h. das Einzige, was meines Erachtens den Namen Aufklärung verdient. Ich halte das meiste, das in den Wissenschaften, der Politik, den Medien usw. sich als „aufklärerisch" geriert, für autoritäre Bevormundung, die hinausläuft auf ein Unmündighalten. So wie es schon der kleine böse Witz aus der Romantik meint: „Der ehrwürdige Kant, er hat die Menschen aus dem Regen der Religion in die Traufe der Aufklärung geführt.“

* Georg Bussmann ist Professor für Zeitgenössische Kunst an der Gesamthochschule Kassel

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REZENSIONEN:

Boris Lurie, New York - Buchenwald

Eine Ausstellung von Naomi Tereza Salmon im Haus am Kleistpark, Berlin 2004

Rezension von Hermann Pfütze

in: KUNSTFORUM, Juli-August 2004, Band 171, S. 310 - 312.

Die Ausstellung ist eine Hommage der seit einigen Jahren in Deutschland lebenden Israelischen Fotografin Naomi Tereza Salmon an den doppelt so alten Boris Lurie, der bald noch seiner Befreiung durch US-Truppen aus dem Außenlager Magdeburg des KZ Buchenwald nach New York emigrierte und seither dort lebt, Lurie wurde 1924 in Leningrad geboren, wuchs in Riga auf und verlor den größten Teil seiner Familie in deutschen KZs.

1959 gründete Lurie, aus Protest gegen die Pop Art, die radikale "NO!art" als künstlerische Praxis der Überlebenskunst, in der es, wie im Leben auch, nichts gibt, was nicht dazugehört. - Kein Foto, keine Erinnerung, keine kaputte Schreibmaschine, die nicht NO!art wären. Was andere aussortieren können, die nicht die Vernichtung überleben mussten, gehört hier immer dazu.

Dieses Leben als Überlebenskunst hat Naomi Tereza Salmon gefilmt, fotografiert und in klaren Formen präsentiert, ohne darin aufzuräumen. Sie lernte Lurie 1998 wahrend der Ausstellung seiner. Bilder, Objekte und Gedichte in der Gedenkstätte Buchenwald kennen und besuchte ihn dann mehrmals in New York. Daraus entstand diese Ausstellung, die zuerst ebenfalls in Buchenwald zu sehen war und jetzt vom Haus am Kleistpark übernommen wurde, das seine einzigartige Tradition, die NS-Geschichte künstlerisch zu thematisieren, damit in bester Form fortsetzt. Einzigartig daran ist, dass hier, verantwortet von der langjährigen Leiterin Katharina Kaiser, stets ein Weg gefunden wurde, zwischen politischer Bildung, Gedenkstättenkultur und Betroffenheitskulten, die Dinge mit Bedacht als Elemente unserer Freiheit zu verstehen. Deswegen ist es Kunst, und nicht Politik oder Pädagogik oder Religion, die ja auch viel Gutes versprechen.

Dieser Kunstgeist durchzieht auch Naomi Tereza Salmons Ausstellung, die ein Dialog beider über Luries vollgeladenes Leben ist. Salmon ist es gelungen, das Ganze fotografisch-filmerisch und räumlich zu gliedern in Poesie, Bilder und Alltagsleben, ohne zu sortieren zwischen Wichtigem und Unwichtigem. Denn Boris Lurie kann nicht trennen, nichts wegwerfen und keine Auswahl treffen. Rastlos und neugierig interessiert er sich für alles zu seinem Lebensthema, deswegen ist nichts vorbei, hängt alles zusammen und wird alles gezeigt: Stalin und Berlusconi, Vietnamkrieg und Intifada, Familienfotos, Pin-ups und Vernichtungsbilder.

Das Gebot nichts auszuwählen und wegzulassen, verbindet diese Ausstellung mit früheren, formal ganz anderen Arbeiten Naomi Tereza Salmons. Bekannt wurde sie vor einigen Jahren mit Foto-Dokumentationen sogenannter Asservate aus den KZs, also den geborgenen Habseligkeiten der Häftlinge, wie Brillen, Kämmen und Löffeln, in dem anrührend-schrecklichen Zustand nach jahrelangem Gebrauch, Zerstörung und Reparaturen. Der Anfang war 1989 ein Auftrag des Nationalmuseums Yad Vashem, die dort gesammelten Objekte für das Archiv fotografisch zu dokumentieren. Diese Arbeit wurde auch in Deutschland bekannt und bei einem Besuch in der Gedenkstätte Buchenwald wurde ihr gestattet, auch dort alle Dinge im Magazin zu fotografieren. Diese Dokumentation enthält nur Fotos ohne jede Information, da bei vielen Dingen nicht zu klären war, ob sie Opfern oder Tätern gehörten. Die DDR-Behörden hatten alles zusammengeworfen und große Teile des KZ-Geländes eingeebnet

Nichts weglassen und nicht auswählen etwa zwischen schönen und hässlichen Dingen, ist das gemeinsame Prinzip der Dokumentation und der NO!art. Allerdings hat die dokumentarische Präsentation einzelner, armseliger Dinge aus den KZs heute nicht nur, so Salmon, in Israel, sondern auch in Deutsehland, vor allem für jüngere Leute, ihre Titanische Punktion eingebüßt zugunsten eines eher archäologischem Blicks auf sie.

Die Ausstellung zu Boris Lurie ist dagegen selbstredend gegenwärtig, was zunächst an der ästhetischen Dominanz und Sprache der Gedichte liegt, die in Pseudo-Frakturschrift an die Wände geschrieben und über Kopfhörer zu hören sind: "Meine Sympathie ist mit der Maus, doch ich füttere die Katze".

Oder: "Die Heldentaten, die ich nicht gemacht, die Greueltaten, die ich leider nicht vollbracht ... Toi-toi! der Stunden die sich um uns vernarrt. Aufwiederleben: Strudel von den Alpenjägern.“ Beim Hören klingt der Rhythmus der "baltendeutschen Sprache" mit, die Lurie "nach dein Krieg vergessen wollte, was auch beinah gelungen wäre“, die ihm aber "im Blut steckt".

Ähnlich attraktiv sind die sieben großen, detailscharfen Fotografien, die Salmon von Luries Wohnung gemacht hat. Man beginnt sofort dieses Tohuwabohu wie einen Trödelmarkt mit Blicken zu durchstöbern und findet die disparatesten Sachen eng beieinander. Obszöne und gewaltsame Details müssen nicht erst distanzierend-erklärend nahegebracht werden. Sex and Crime, KZ und Pin-up-Fotos sind hier illustriertenmäßig vereint, Auch der Titel der Ausstellung wurde so gefunden. Die Kamera erfasste einen Zettel, auf den untereinander drei Worte getippt waren: "optimislic disease facility“. Man sollte sie nicht wie einen Satz lesen, sondern als Ausdruck unterschiedlicher Befindlichkeiten.

Das innere Zentrum der Ausstellung ist jedoch der einstündige Film, den Naomi Tereza Salmon mit Boris Lurie in seinem Ambiente gedreht hat. Daraus einige Beispiele: Zu Beginn sagt er, es sei einfach normal für ihn, "erst halbtot und dann König zu sein". Lurie kam praktisch mittellos aus einer zum Displaced-Persons-Lager umfunktionierten SS-Unterkunft nach New York. Als er nämlich einen geschnappten Naizi mit seiner den ermordeten jüdischen Händlern geraubten Diamantenbeute bewachen musste, nutzte er die ihm diskret gebotene Gelegenheit nicht, die Steine an sich zu bringen. Das taten später die US-Beamten, denen das Raubgut ordnungsgemäß übergeben worden war. Auf die Frage, warum er Bilder seines Vaters und Stalins nebeneinander platziere, sagt er: "Ohne Stalin gäbe es keine Juden mehr auf der Welt, weil er gegen Deutschland den Krieg gewonnen hat." Die Leute auf den Fotos aus dem Getto, darunter viele Verwandte Luries, seien alle tot, aber er habe diese Fotos durch Getto und KZs gerettet. Und über die provozierenden Pin-up-Collagen neben Vernichtungsbildern sagt er, sie seien wie die Sexbilder in den "Spinden der Arbeitssklaven, um e einen Funken von Liebe und Wohlfühlen in ihrem langweiligen Tagessein zu erhalten.“ Im Getto waren Pin-ups verboten, jetzt nicht mehr. Auch das ist Leben nach dem Überleben.

Nicht im Film, aber auf der von Naomi Tereza Salmon erarbeiteten CD-rom seiner Gemälde und Objekt-Collagen ist die berüchtigte "Railroad Collage" von 1963 zu sehen: das Foto eines offenen, mit nackten KZ-Leichen überfüllten Güterwagens, beklebt mit dem obszönen Bild der Arschofferte einer Hure. Lurie nennt die Montage auch "flat-car assemblage 1945 by Adolf Hitler". Es sei bemerkt, dass Boris Luries NO!art-Sachen Überlebenskunst nach dem Überleben sind, nicht etwa sog. Lagerkunst. Jetzt ist alles möglich, was ästhetisch zu fassen ist. Und das ist hier die Kunst - nämlich mit so einem Leben nicht aus der Fassung zu geraten, sondern immer die der Sache angemessene Form zu finden, wie z.B. bei Luries Besuch in Riga 1975.

Der sei für ihn "noch schlimmer gewesen als Buchenwald". Die Dame vom lettisch-sowjetischen Künstlerverband habe ihn in guter Absicht zum Denkmal mit den Massengräbern gebracht, wo seine Angehörigen verscharrt worden seien. Da sei er "durchgedreht: so kleine Grabfelder für eine ganze Stadt" - und begann, die Gräber abschreitend zu vermessen, "um den Schock in eine sozusagen wissenschaftliche Handlung zu verwandeln". Lurie erzählt solche Geschichten, während Salmons Kamera langsam die Räume abtastet: Bücher- und Papierstapel, Plakate, Wasser- und Elektroleitungen, Farbdosen, Geschirr, die Treppe in den Keller mit dem übervollen Bilderlager. Für Boris Lurie ist in dieser schäbigen Wohn- und Arbeitshöhle ohne Tageslicht "alles sehr schön", weil die Geschichten und sein Leben es schön machen. Das Waschbecken ist versifft, aber die Geschichte, wie er sich behilft, ist sehr schön. Seine Sympathie gilt denen, die sich wehren und behelfen. Boris Luries Leben, seine Geschichten und seine Kunst so präsent gemacht zu haben, ist wiederum Naomi Tereza Salmons Kunst.

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Brigitte Werneburg schaut sich in den Galerien von Berlin um

in: taz BERLIN vom 26. Mai 2004, tazplan, S. 27.

Vor neun Jahren war das bildnerische Werk, das nun über einen Computermonitor abgerufen werden kann, schon einmal im Haus am Kleistpark zu sehen. Damals war Boris Lurie und die von ihm begründete NO!art-Bewegung Akteur und Thema der Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der NGBK organisiert war. Heute nun ist er zwar wieder Thema von "optimistic, disease, facility", aber die ausstellende Künstlerin ist Naomi Tereza Salmon, 1965 in Israel geboren, lebt sie seit vielen Jahren in Deutschland, wo sie sich in ihren multi-medialen Installationen mit dem Gedenken an den Holocaust auseinandersetzt.

Hierher gehört auch ihre Begegnung mit Bons Lurie. Denn Lurie, 1924 in Leningrad geboren, überlebte mit seinem Vater mehrere Konzentrationslager. Schon früh begann er sich in seiner künstlerische Arbeit mit dieser Erfahrung auseinander zu setzen. Nach dem Krieg übersiedelte er nach New York, wo er Ende der 50er-Jahre die radikale Kunstbewegung NO!art als Gegenbewegung zur Pop Art gründete. Fasziniert von Luries Werk, das sie 1998 in einer Ausstellung in Buchenwald kennen lernte, besuchte ihn Salmon in New York und konzipierte aus ihren dort gemachten Fotografien und Videoaufnahmen die Beniner Schau. Zu den Elementen Film, Fotografie oder der Computerbank zum Werk Luries kommen Tonbandprotokolle hinzu, in denen Lurie erzählt und seine Gedichte vorträgt, die auch an die Wände gemalt sind - in der uns heute merkwürdig nazistisch anmutenden Frakturschrift.

Lurie zu zeigen, während das MoMA in Berlin gastiert, ist allein schon eine Tat, weil sich zeigt, dass die Moderne noch ganz andere Gesichter hat, als hier behauptet wird. Ein böses, provokantes Gesicht und darin nicht unproblematisch. Doch Salmon/ Lurie machen ein ernsthaftes Angebot zur Auseinandersetzung.

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LICHT IN DIE HÖHLE BRINGEN

Ein Rendezvous mit der Erinnerung:
Naomi Tereza Salmon widmet sich in ihrer Ausstellung
optimistic-disease-facility
im Haus am Kleistpark dem ungewöhnlichen Künstler Boris Lurie

Rezension von Bettina Müller

in: tip, Berlin, Nr. 11/04 vom 20.05. - 02.06.2004

Klebeband. Klebeband hält sein Leben zusammen. Die Ablagerungen aus all den Zeiten, die an seinen Wänden In oft schon überlappenden Schichten mit Klebeband angebracht sind: Fotografien, Zeitungsausschnitte, Listen und ausgefranste Buchseiten, knackige Pin-ups, mit Küchenfolie geschützte fragile Papiere, Zeichnungen, Manifeste. Klebeband hält seine Börse zusammen, deren morsches Leder den Inhalt längst gesprengt hat. Klebebandrollen bilden kleine Türme auf seiner Schreibtischkante. Wie in einen Kokon hat er sich darin eingewoben. Als ob er fürchten müsste, ohne diese Schutzhüllen selbst den Halt zu verlieren.

So zeigt uns Naomi Tereza Salmon in ihren großen Fotografien die Wohnung des New Yorker Künstlers Boris Lurie. Die Fotografin, 40 Jahre jünger als Lurie, fühlt sich von diesem Leben in einer Collage angezogen und gefesselt. Die Stapel von Manuskriptseiten die gleich von der Tischkante zu gleiten drohen; Bücher, die kaum noch halten, so vollgestopft sind sie mit Zetteln; mit Bildern vollgestellte Flure; Luries Leinwandbilder, die eingerahmt fast Stoß an Stoß über dem Sofa hängen. Niemand kann mehr auf einer Reihe von Stühlen Platz nehmen, sie sind schon besetzt von Kisten mit Kunst.

Man glaubt, kaum atmen zu können in dieser Enge. In dieser Verklammerung von Leben und Werk. Und irgendwo hängt ein Schild an der Wand mit drei Worten: "optimistic disease facility". Auch das hat Naomi Tereza Salmon fotografiert und zum Titel ihrer Ausstellung über Boris Lurie gemacht.

Das ist ein ungewöhnliches Konzept: Eine Künstlerin stellt einen Künstler vor. Sie dringt wie eine Forscherin in seine Wohnhöhle ein, im Bann geschlagen von der Sichtbarkeit, ja dem spürbaren und greifbaren Raum, den Erinnerung in seinem Leben einnimmt. Was Boris Lurie in seinen Werken wie die Schichten eines endlosen Verbandes um- und umlegt, seziert sie wieder in feine Schnitte. Sie gibt den Dingen Raum. Und in diesem Raum erhalten wir eine neue Freiheit, Boris Lurie und seinem Werk, dem Menschen und seiner Geschichte zu begegnen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung, die das Haus am Kleistpark aus Buchenwald übernommen hat, stehen die Gedichte von Boris Lurie. Sie sind auf die Wände geschrieben und über Kopfhörer zu hören. Da reichen stets wenige Zeilen für einen großen Sprung in der Zeit. Schon die Schrifttypen katapultieren den Laser zurück nach Deutschland, vierziger Jahre, und den Nationalsozialismus zuvor.

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Rauminstallation zu Ehren von Boris Lurie

Rezension von Christiane Meixner

in: Berliner Morgenpost, Ressort Kultur, 16.06.2004

Seine Wohnung ist eine dunkle Grube, sein Herz auch. In den Zimmern von Manhattan stapeln sich aufgerollte Leinwände, pinnt Boris Lurie Fotos und Zeitungsfetzen an die Wände und kombiniert das Ganze mit betörenden Pin-ups: "Damit ich die Gegenwart, die Geschichte wird, nicht vergesse."

Luries Geschichte beginnt mit dem Rigaer Ghetto. Nur knapp überlebten der 1924 in Leningrad Geborene und sein Vater anschließend das Konzentrationslager, während die engsten weiblichen Verwandten 1941 in Rumbula ermordet wurden. Lurie ist ein Zeitzeuge - einer, der sich nicht nur gegen das Vergessen wehrt, sondern der auch vor vierzig Jahren mit seinen radikalen NO!art-Projekten gegen die konsumistische Glätte der Pop-art polemisierte. Eine Kultfigur, die sich bis heute nicht musealisieren lassen will und nur an Museen verkaufen würde, wenn diese ihn ähnlich entlohnen würden wie einst Andy Warhol oder Roy Lichtenstein. Aus symbolischen Gründen, versteht sich.

Eine Ausnahme hat Boris Lurie allerdings jüngst gemacht: Er ließ Naomi Tereza Salmon in seine Zimmerfluchten und damit in seine skurrile Lebenswelt schauen. Die in Weimar lebende Künstlerin hat Lurie befragt und sein konstruktives Durcheinander gefilmt, fotografiert und damit festgehalten. Nicht um seine persönliche Geschichte zu kalter Historie zu machen: Viel mehr ging es Salmon um die lebendige Vermittlung einer radikalen Haltung und die Frage, wie eine junge Künstlergeneration den Holocaust heute thematisieren kann.

"Optimistic, disease, facility" heißt die dazu gehörende Ausstellung mit fotografischen Dokumenten, einem Film, vertonten oder in grauer Fraktur an die Wände geschriebenen Gedichten von Boris Lurie und einer PC-Datenbank, die sein eigenes bildnerisches Werk vorstellt. Das Haus am Kleistpark hat die Schau von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald übernommen und präsentiert die eindrucksvolle Arbeit nun in einem klaren, mit kargen Sperrholzmöbeln eingerichteten Raum.

Man kann hören, sehen und sich ein Bild von Luries gekurvtem Leben machen. Eine Collage, die viel von den Bürden einer Erinnerung erzählt, die in ihrer ganzen Konsequenz wohl nie vermittelbar ist. "Es wimmelt groß New York von Leuten: Ich hab niemand zum Sprechen", steht an der Wand in eigentümlich schiefer Sprache und Grammatik, mit der der Künstler bewusst an seine baltendeutsche Herkunft erinnern will. Naomi Tereza Salmon gegenüber hat sich Lurie erstaunlich weit geöffnet und erzählt über sein Leben, wichtige Ereignisse und seine persönliche Haltung zur Kunst. Ihrerseits fügt Salmon diese Fragmente zu einer strengen, anspruchsvollen Rauminstallation.

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