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EIGEN-ARTIG

Eine Doku über den NO!art-Mitbegründer Boris Lurie

Video und Kommentar von Magnus Hengge

 berlin-ist.de | 6. Juni 2007
TAGGED: FILM + DISKUSSION + KOMMENTAR HENGE + KOMMENTAR ANDERE + REZENSION
VIDEODOKUMENTATION DER DISKUSSION | 9:13 min
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KOMMENTAR von Magnus Hengge

Eine Überraschung im Eiszeitkino: Eigentlich kamen wir um "Der letzte König von Schottland" zu sehen, doch die im Internet veröffentlichte Anfangszeit stimmte mal wieder nicht mit der tatsächlich viel späteren überein. Statt dessen fing gerade eine Dokumentation Namens "Shoah und Pin-Ups" über den NO!art-Künstler Boris Lurie an. "NO!art" kam mir irgendwie bekannt vor: Damals an der HdK kursierten so kleine No-Art-Aufkleber, mit denen irgendjemand seinen Protest gegen ausgestellte Werke zum Ausdruck brachte und ich hörte von der NewYorker Anti-Pop-Art-Avantgarde Gruppe gleichen Namens, von der ich aber nicht viel wusste. Der Name "Boris Lurie" sagte mir nichts. ... Egal, wenn man schon mal da ist ...

Beim Eintritt in den Kinosaal, hatte der Film gerade begonnen und (für mich) überraschender Weise war der Raum fast ganz gefüllt. Die Dokumentation wurde auf einfachem DV-Video Material gedreht, sehr low-tech-mäßig, ohne zusätzliches Licht und mit nicht immer ganz perfektem Ton, was aber besonders durch die winzigen, verwinkelten Räumlichkeiten des Künstlers bedingt war, in denen fast der ganze Film aufgezeichnet wurde

Boris Lurie durchlebte als Jugendlicher Ghetto und KZ, verlor dabei aber den ganzen weiblichen Teil der Familie (Mutter, Schwester, Oma) und ging gleich nach der Befreiung 1945 nach New York. Die Erlebnisse in den Lagern prägten seine Kunst von Anfang an, doch er nahm nie die vermutbare Opferrolle eines Überlebenden ein. Seine Werke sind bewusst unästhetisch, unschön, grotesk und er brachte Anfang der 50er Jahre Dinge zusammen, mit denen er sämtliche Tabus brach. Er collagierte Aufnahmen aus den deutschen KZs, verhungerte Menschen, Leichenberge, verzweifelte Blicke mit Soft-Porno Bildchen, die er aus Magazinen ausschnitt. Bis heute bringt er die Extreme unserer "perversen" Gesellschaft zusammen und spannt einen für ihn offensichtlichen Bogen von der Shoah bis zum Irakkrieg. Seine Kunst ist eben das deutliche NO!-Sagen: NO! zum normierten Wertekanon, der es verbietet über vieles zu sprechen. NO! zu den Gesetzen des Kunstmarktes. NO! zur erwarteten Opfermentalität.

Diese Haltung konnte und kann er sich "leisten", weil er nach dem Tod seines Vaters, der ebenfalls die Nazizeit überlebte und anschließend in Deutschland erfolgreiche Geschäfte mit Thyssen und anderen machte, dachte, er müsse nun selbst wirtschaftlich sein Leben übernehmen. Er tat dies bemerkenswert geschickt durch Investment in Immobilien und Wertpapiere, die ihm einen Wohlstand einbrachten, den er nicht mal im Ansatz in einen Lebensstil umsetzte. Der Film zeigt eindrücklich, wie Lurie trotz finanziell gesichertem Hintergrund äußerlich völlig heruntergekommen haust. Sein Atelier und seine Wohnung sind geradezu erbärmliche Rumpelkammern, die zum Bersten mit halb kaputten Möbeln und vor sich hin rottenden Materialien gefüllt sind. Er kauft regelmäßig in einem kleinen Geschäft osteuropäische Wurstwaren und packt sie in einen überdimensionierten und überquellenden Kühlschrank, bei dem man hofft, die Türen würden sich nie wieder öffnen.

Allein seine Kunst ist ihm wichtig. So wichtig, dass er in den letzten Jahren sogar Werke wieder zurückkaufte, die über die Jahrzehnten bei anderen Menschen gelandet sind. Im Kontrast zu dieser Archivierungstätigkeit steht dann aber die fahrlässige Einlagerung der Bilder in einem feuchten Keller, in dem früher oder später alles Stockflecken bekommen muss. Diese Verderblichkeit seiner Arbeit scheint Lurie aber durchaus bewusst voranzutreiben. Vermutlich ist es seine letzte Geste der NO!art-Haltung, denn er ist inzwischen gesundheitlich stark angeschlagen, nicht mehr fähig, sich um seine Kunst zu kümmern.

Boris Lurie ist ein widersprüchlicher Mann und er betrieb immer eine widersprüchliche Kunst, die erst in den letzten Jahren wieder entdeckt wird. Heute (für ihn zu spät) gibt es ein Interesse an seinem Lebenswerk, was man im Film (eine Museumsleiterin mühte sich um eine Ausstellung mit ihm), am Film (sonst wäre er nicht gedreht worden) und am Publikum (fast die gesamte Kreuzberger Kunstszene war anwesend) sehen konnte.

Nach dem Film gab es eine angeregte Diskussion mit den MacherInnen der Dokumentation: Reinhild Dettmer-Finke (Buch, Regie), Matthias Reichelt (Idee), Rainer Hoffmann (Bildgestaltung), Mike Schlömer (Schnitt, Ton). Das Video zeigt daraus ein paar Ausschnitte.

Zum Artikel der taz

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KOMMENTARE VON ANDEREN:

contact@no-art.info, 20.04.2007, 19:06 | Ein Film ueber einen alten Mann, der in seiner Krankheit im hohen Alter zu einer Dokumentation ueberredet wurde. Es fehlen jegliche Informationen ueber die Mitbegruender der NO!art-Bewegung nämlich Sam Goodman und Stanley Fisher, durch die und mit denen er erst als NO!art-Kuenstler bekannt wurde.

Ebenso fehlen Informationen über seine ehemalige Freundin und Galeristin Gertrude Stein, die ihn gefoerdert hat, den Galerist Janos Gat, der die letzten Ausstellungen von ihm in New York organisierte, und seine vielen Freunde, die er zur NO!art-Bewegung motivierte.

Es fehlt auch jegliche Information ueber die NO!art-Seite, die mit seiner finanziellen Unterstuetzung seit dem Jahre 2000 im Internet betrieben wird. Siehe www.no-art.info.

Dort gibt es bereits informative Filme über Boris Lurie als Videostream zu sehen, wie der von Amikam Goldman "NO!art Man" und den von Naomi Tereza Salmon "optimistic - disease- facility".

Es gibt keinen Hinweis über sein poetisches Werk Geschriebigtes-Gedichtigtes, das in einem umfangreichen Buch anlaesslich seiner Ausstellung in der Gedenkstätte Weimar-Buchenwald veröffentlicht wurde. Im kuenstlerischen Werk von Boris Lurie gibt es nur vereinzelte Werke, die das Thema Shoah und Pinup beruehren und keinerlei bildhafte Beziehung zum Irakkrieg.

Boris Luries' Werk ist vielmehr geprägt von dem Motto, dass "NO!art die strategische Kreuzung ist, auf der sich kuenstlerische Produktion und gesellschaftlich-kulturelle Aktion begegnen".

Es erweist sich hier mal wieder, dass Filmer, die Zugang zu oeffentlichen Veranstaltungsplaetzen haben, Dokumentationen lancieren können, die nur bruchstueckhaft ein Bild von einer Person zeichnen, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Warscheinlich handelt es sich hier um Trittbrettfahrer auf der Holocaust-Schiene.

Was soll das eigentlich heissen: Shoah und Pinup? Laesst sich solch ein Thema so billig abhandeln?

Leider kann Boris Lurie zu diesem Film nichts mehr sagen, da er schon des laengeren nicht mehr kommunizieren kann und sich in einem Pflegeheim befindet.

Wolfgang Roelen, 21.06.2007, 17:20 | Der Kommentar ist korrekt. Alles wirklich Brisante und Relevante für die Politik und Kunst von heute kommt in dem Film nicht vor. Deshalb lesen: Boris Lurie, Seymour Krim: NO!art, Köln/Berlin 1988.

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PRESSE

ES IST VERBOTEN, SCHÖN ZU MALEN

Rezension von Andreas Resch

in: DIE TAGESZEITUNG | Berlin | 5. April 2007
Quelle: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2007/04/05/a0257

Nackte Frauen und Leichen im Bahnwaggon: Für den Künstler Boris Lurie haben Sex und Gewalt viel miteinander zu tun. Der intime Dokumentarfilm "Shoah und Pin-ups" widmet sich dem Mitbegründer der "NO!art"-Bewegung

Eigentlich hätte er gern gemalt wie die französischen Impressionisten - Seerosen, Mohnblumen, Strohhüte. Doch nachdem Mutter, Großmutter und Schwester im KZ von den Nazis ermordet worden und er und der Vater nur knapp mit dem Leben davongekommen waren, sei ihm das nicht mehr möglich gewesen. Gleich zu Beginn erzählt Boris Lurie diese seine Geschichte, die dazu führte, dass er ein Hauptakteur der "NO!art" wurde.

Die "NO!art" kam Ende der Fünfzigerjahre in Amerika als Kunstbewegung auf, deren Ziel es war, den etablierten Markt systematisch zu unterwandern. Beharrlich verweigern sich die Künstler der "NO!art" dem Kulturbetrieb. Ihre Werke, die sich an der Schnittstelle von individuellem Ausdruck und politischer Agitation aufstellen, sind subjektiv und aggressiv.

Boris Lurie 1924 in Leningrad geboren und im lettischen Riga aufgewachsen, macht als einer der "NO!art"-Gründer eine Bilderserie, in der er Magazin-Fotos von Pin-up-Girls mit Aufnahmen von KZ-Häftlingen collagiert - zu grotesken Darstellungen pervertierter Lust und Gewalt. Da entblößt sich eine Frau vor einem Zugwaggon voller Leichen, da klebt Lurie einen Lolita-Kopf neben die Fotografie des Schädels eines toten KZ-Häftlings. Auf diese Serie bezieht sich der Dokumentarfilm "Shoah und Pin-ups", den die Freiburgerin Reinhild Dettmer-Finke jetzt über Bo:ris Lurie gedreht hat. Vorsichtig nähert sich die Filmemacherin diesem eigenbrötlerischen Mann, zeigt ihn zunächst bei alltäglichen Verrichtungen, etwa im Taxi oder beim Lebensmittel-Einkaufen in New York, wo Boris Lurie seit seiner Emigration im Jahr 1946 lebt. Zumeist jedoch sieht man ihn in seinem chaotischen Atelier an der Lower Eastside, in dem sich überall auf dem Boden, an den Wänden und in den Regalen die Bilder stapeln. Dort verbringt er den Großteil seiner Zeit mit Malen und dem Schreiben von Gedichten. "Der taube Goya schreit in mein Ohr - flüstert: Es ist verboten, schön zu malen!", heißt es in einem von ihnen.

Im Verlauf des Films erfährt man von Boris Luries bürgerlicher Jugend in Lettland, alte Schwarz-Weiß-Fotos zeigen ihn als melancholischen jungen Mann im Anzug. Lurie erzählt, wie er einige Zeit nach seiner Ankunft in New York von verdrängten Erinnerungen an die Zeit im Konzentrationslager überwältigt wurde und begann, diese künstlerisch zu verarbeiten. Den Anfang machten 1947 Bilder dekonstruierter Frauenkörper, die "Dismembered Women".

Dass die "NO!art" nie kommerziell erfolgreich wurde, ist gewissermaßen Teil ihres Programms und stört Boris Lurie nicht weiter - er verdient seinen Lebensunterhalt mittlerweile mit Börsen-Spekulationen. Dafür macht der Film deutlich, wie schade es ist, dass seine Bilder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sind. Denn Aufnahmen wie die aus Abu Ghraib, in denen dieselbe Gemengelage aus Sex und Gewalt wie die herrscht, mit der sich Lurie seit Jahrzehnten kritisch auseinandersetzt, zeigen: Seine Kunst ist auch heute noch notwendig.

"Shoah und Pin-ups: Der NO!-Artist Boris Lurie". Regie: Reinhild Dettmer-Finke in Zusammenarbeit mit Matthias Reichelt. D 2006, 88 Min. Eiszeit-Kino

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©  http://retro.no-art.info/2007/shoah-pinup-discussion/info-de.html